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Sonntag, 6. Mai 2018

Circus - ' keine Kunst, ' kann aber auch nicht weg!



Polnische Plakatkunst: Circusplakat von Jerzy Czerniawski (1975)


Die in diesem Blog vereinten Themen Gebrauchsgrafik und Circus haben eine Gemeinsamkeit in ihrer Rezeption - werden doch beide nicht zuletzt im Zuge der Aufwertung der Popkultur bisweilen zur „Kunst“ erhoben, womit weit mehr gemeint ist, als etablierte und im weiteren Sinne absolut zutreffende Begriffe wie „Plakat-, Circus- oder Unterhaltungskunst“ intendieren.
 „Stichworte wie Sättigung eines emotionalen Defizits, Aufhebung der Entfremdung von Körper und Geist, Leben und Arbeiten, Sein und Schein, verweisen auf den Circus als kleine Gegenwelt, geben ihm einen kulturellen Wert, den wir abwerten, wenn er uns nur unterhält, ohne dass wir ihn ernst nehmen.“ (Reiner Kissels)
Circus ist damit trotz seines eigenen Konfliktgehaltes im Innern wie nach außen und trotz der Härte seiner Wirklichkeit vor und hinter den Kulissen ein zarter Widerspruch zur modernen Massengesellschaft mit ihren präfabrizierten Kulturangeboten, kommerzialisierten Kunstprodukten und künstlich begrenzten Erfahrungsfeldern.“ (...)
Die Leistungen von Akrobaten, Dresseuren und Clowns sind je für sich genommen und im mehr oder weniger komponierten Vorstellungsganzen Auftritt für Auftritt Kunstwerke. Ensemble tradierter Regeln, Fertigkeiten und Erkenntnisse zwar, aber auch persönlich variierter, inspirierter und erneuerter Ausdruck menschlichen Wollens und Könnens, spielerischer Umgang von Menschen mit kreatürlicher und dinglicher Umwelt, ästhetisch in Form gebrachte Gestaltungsfähigkeit und in erster Linie Selbstzweck.“ (Claußen)

Trotzdem meine ich, einen Kunstbegriff voraussetzend, der ein „reflektierendes Element“ beinhaltet, ist Circus keine Kunst im engeren Sinne und die Ansprüche, die dabei an ihn gestellt werden, kann und soll er nicht erfüllen. Bestimmte Entwicklungen des „Cirque Nouveau“ bzw. ihre Rezeption relativieren diese Sichtweise allenfalls, widersprechen ihr jedoch letztlich nicht. 
Artisten sehen sich mit Fug und Recht als Künstler, ihr Tun aber zumeist als Arbeit:
Die Artisten leisten, wie sie es selbst nennen, 'runde Arbeit'. Sie kommen in die leere Arena und bleiben was sie sind. Sie stellen nichts dar. Ihre Arbeit lässt sich nicht soufflieren, sie ist kein Nachvollzug fremden Sinns und hat auch keinen eigenen. Der Circus hat sich selbst zum Gegenstand, seinen Körper, seine Gesten.“ (Bose/ Brinkmann)
Anachronismen wie der kleine Wandercircus, einige der verbliebenen „traditionellen“ Unternehmen oder Werke von Schriftstellern, bildenden Künstlern und Filmemachern wie Federico Fellini vermitteln eine im Verschwinden begriffene, einmalige und vielschichtige sinnliche Dimension „des“ „traditionellen“ Circus – unabhängig davon, ob sie in den Vorstellungs- und Bildwelten der Betrachter oder der Realität verortet ist und die mit dem viel- und überstrapazierten Begriff „Circusromantik“ durchaus ansatzweise umschrieben werden könnte, wenn dieser nicht in so hohem Maße von klischeehaften, simplifizierenden und rückwärtsgewandten Sichtweisen bestimmt wäre.
Die vermeintliche „Erhöhung“ des Circus zur Kunstform ist hingegen stets ein letztlich intellektuelles Unterfangen, das sich nicht zuletzt in der besonders hierzulande oftmals ausgeprägten Distanzierung des „Cirque Nouveau“ bzw. seiner Anhänger vom „gewöhnlichen“ Circus zeigt. Diese „Intellektualisierung“ bzw. „Vereinnahmung des Circus durch bürgerliche Artistik-Amateure“ (Werner Heidermann) höhlt die kulturellen Eigenarten bzw. die einzigartige „ästhetische Praxis“ traditioneller Circusse aus, wertet sie ab und löst sie als verzichtbare Aneinanderreihung „assoziativer Formeln“ innerhalb eines „zirkuswissenschaftlichen“ Diskurses bewusst auf.
Dabei greifen einzelne, dem „Cirque Nouveau“ zuzuordnende Gruppen insbesondere in Frankreich gerade auch diese „ästhetische Praxis“ und spezifische Unterhaltungskultur auf, führen sie kreativ weiter, nehmen ihre liebens- und erhaltenswerten Anachronismen „ernst“ und integrieren sie - oftmals mit einem Augenzwinkern - in eigene Konzepte. Gemeinsam ist ihnen eine vitale Spielfreude, Talent der Akteure und der Verzicht auf die Inszenierung eines zur Schau gestellten vordergründig künstlerischen Anspruchs, der zuweilen mit einer vergleichsweise bescheidenden artistischen Leistung einhergeht. Diese Shows zeigen denn auch Schnittmengen "des" "traditionellen" Circus mit "dem" Cirque Nouveau auf, deren enormes Potential bislang leider nur ansatzweise ausgelotet wurde.

Der Cirque Nouveau vollzieht dabei durchaus keine Loslösung von der Geschichte des Circus, vielmehr betont er einige zurückgedrängte Bestandteile wie beispielsweise narrative, theatralische oder auch bestimmte clowneske Elemente. Andererseits löst er sich mehr oder weniger von einer durchaus ausgeprägten und immer auch durch Menschen, die „von Privat“ kamen, vorangetriebenen geschichtlichen Entwicklung, um den Circus quasi neu zu erfinden und ihm zu einem neuen, „künstlerischen“ Stellenwert zu verhelfen. Dabei wird im Bewusstsein, „Kunst“ zu schaffen, „dem“ traditionellen, ungemein facettenreichen, wandlungsfähigen und nicht zuletzt durch das Können sowie die Ausstrahlung seiner Artisten begeisternden „nur unterhaltenden“ Circus bisweilen mit einer gewissen Überheblichkeit begegnet, die er nicht verdient.
Ich bin der Meinung, dass es sich bei dem, was der Artist leistet, um ein „Kunststück“ handelt, während es sich bei dem, was der Schriftsteller, der bildende Künstler schafft, allerdings auch nur im besten Fall, um ein „Kunstwerk“ handelt.
Picasso hätte nie das Bild, „das Kunstwerk“ geschaffen, auf dem er einen Jungen auf der Kugel balancierend dargestellt hat, wenn er nicht zuvor das „Kunststück“ in einer kleinen spanischen Circus-Arena erlebt hätte. (…) Beim Artisten gibt der persönliche Charme, (…), den Ausschlag, beim Künstler ist es immer wieder die Kraft, das Erlebte zu reflektieren, überhöhen zu können. (…) Der Artist (…) betreibt sein Spiel um des Spiels willen. Der Künstler ist immer mit einer bestimmten Absicht am Werk. Dabei bleibt unbestritten, dass man im Circus immer wieder etwas erlebt, das in seiner Gleichnishaftigkeit etwas bringt, was auch das Kunstwerk ausmacht. (…)
Es ist der Unterschied zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten. Der Artist (…) stellt sich nicht der Frage nach dem 'Warum'. Dagegen ist der Künstler darauf angewiesen, sich diese Frage zu stellen, obwohl er weiß, dass es keine Antwort auf diese Frage gibt. Wie dankbar ist er, wenn er mit anderen Menschen fasziniert durch das, was sich in der Manege abspielt, das Fragen vergisst. Ich sitze immer wieder im Circus und staune: Was findet hier eigentlich statt? Es ist das Irreale, das Traumhafte, das hier – ein Widerspruch in sich – realisiert erscheint. (…) Es lebe der Circus in seiner Unschuld. Lasst uns nicht schuldig an ihm werden durch falsche Ansprüche, die wir an ihn stellen!“ (Wilhelm M.Busch)

"Menschen, Tiere, Sensationen" Traditioneller Circus - "Naive Kunst"
Programmcover von Lennart Jirlow

Musik-Circus - Cirque Nouveau at his best: Cirque Plume


Circuskultur: Cirque Alexis Gruss - zeitlos schöner klassischer (Pferde-)Circus.
Tuschezeichnung im Programm von 1999

Quellen:
- Bose, G. und Brinkmann, E.: Circus. Geschichte und Ästhetik einer niederen Kunst. Berlin 1978
- Wilhelm M. Busch: Circus – was ist das? In: Claußen, B. und Tetzlaff, R. (Red.): Circus in Hamburg. Hamburg 1982, S.193-196
Prof. Wilhelm Martin Busch (1908-1987) studierte 1929-1932 an der Berliner Akademie für freie und angewandte Kunst, arbeitete vor allem als Illustrator sowie freier Zeichner und hatte einen Lehrauftrag an der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung.
- Claußen, Bernhard : Circus – ein Stück traditioneller Alternativkultur. In: Animation 6 (1985), S. 228-235
- Ders.: Politisch-kulturelle Bildung im Circus? In: G. Koch (Hg.): Experiment: Politische Kultur. Berichte aus einem neuen Altag. Frankfurt/M. 1985
- Ders.: (Familien-)Circus als Kulturgut und die Verantwortung der (Kommunal-)Politik. In: Schriftenreihe des deutschen Städte- und Gemeindebundes Nr. 4/86 und Nr.5/86
Professor Bernhard Claußen (Jahrgang 1948) war Sozialwissenschaftler an der Universität Hamburg. In den 1980er Jahren beschäftigte er sich intensiv mit der kulturellen Bedeutung des traditionellen (Familien-)Circus'.
- Reiner Kissels: Das Stiefkind der Thalia – oder die ehrliche Schau abgewerteter Gefühle. In: P. Burger (Hg.): Wir lieben den Circus. Ehrenkirchen 1987, S.21


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